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ReLaDi: Resilienz, Struktur und Digitalisierung des landwirtschaftlichen Direktvertriebs

Projektleitung

Wolfgang Ziniel

Forschungseinrichtung

KMU Forschung Austria

Projektnummer

101852

Projektlaufzeit

-

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Regionen und Wasserwirtschaft 

Allgemeine Projektinformationen

Abstract (deutsch)

Das Projekt widmet sich vor dem Hintergrund der Regionalität bei Lebensmitteln, der Resilienz von Versorgungssystemen und der unterschiedlichen Betriebstypen des Handels mehreren Fragestellungen.

So soll untersucht werden, wie bäuerliche Betriebe das Potential der Regionalität in ihren Direktvermarktungskonzepten besser für sich nutzen können. Darüber hinaus soll die die Struktur (i.e. die Betriebsformen und das Angebot) der bäuerlichen Direktvermarktung in Österreich flächendeckend und ganzheitlich dargestellt werden. Zusätzlich soll gezeigt werden, welche Formen der Direktvermarktung aus Kunden- und Anbietersicht erfolgversprechend sind. Schließlich sollen digitale Tools im Rahmen bäuerlicher Direktvermarktung auf ihre Eignung hin untersucht werden, die Konsumenten-Produzenten-Beziehung erfolgreich zu unterstützen.

Schlagwörter (deutsch)

Direktvertrieb, Ab-Hof, Resilienz, Konsumentenverhalten, Digitalisierung

Titel, Abstract, Schlagwörter (englisch)

Titel (englisch)

Resilience, Structure and Digitalization of Direct Sales Systems in Farming

Abstract (englisch)

The proposed project addresses several questions against the background of regionality in food, the resilience of supply systems and the different types of businesses in the trade.

For example, it is to be investigated how farms can make better use of the potential of regionality in their direct marketing concepts. Furthermore, the structure (i.e. the types of business and the range of products) of direct marketing by farmers in Austria is to be presented comprehensively and holistically. In addition, it will be shown which forms of direct marketing are promising from the customers' and suppliers' point of view. Finally, digital tools in the context of direct marketing by farmers will be examined for their suitability to successfully support the consumer-producer relationship.

Schlagwörter (englisch)

"Direct sales ex-farm" "Resilience" "Consumer behavior" "Digitalization", direct sales, resilience, structure, digitalization

Finanzierung BMLUK

180.000,00 €

Projektziele

Das Projekt soll dazu beitragen, Forschungsergebnisse zu Erfolgsfaktoren eines resilienten, bäuerlichen Direktvertriebs in Österreich zu erarbeiten. Bäuerliche Direktvermarktung stellt die unmittelbare Schnittstelle zwischen landwirtschaftlichen Betrieben und ihren Konsument:innen dar. Bei direkten Versorgungssystemen steht kein Absatzmittler zwischen der Produktion und den Verbraucher:nnen. Dadurch werden lange Transportwege vermieden, Regionalität und Saisonalität bekommen einen größeren Stellenwert, der lokale Gemeinschaftssinn wird gestärkt, und die Wertschätzung für landwirtschaftliche Produkte aus dem eigenen Umfeld nimmt zu (https://klimarat.org/). Aus diesen Gründen erweisen sich direkte Vertriebssysteme im Vergleich zu Systemen mit einem oder mehreren Intermediär/en als resilienter und krisenfester. Dementsprechend hat die Corona-Krise samt Lockdowns dazu geführt, dass die bewerteten Zukunftschancen einer Direktvermarktung bei Landwirt:innen im Jahr 2021 auf einen Rekordwert von 83 % geklettert ist. (Key Quest, 2021)


Auf Seite der Konsument:innen ist ein deutlicher Trend zu Regionalität zu erkennen. Gleichzeitig deuten verfügbare Marktstrukturdaten aber auf andere Marktgegebenheiten und Entwicklungen hin. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Österreich sinkt, während die verbleibenden Betriebe größer werden. Die Direktvermarktung selbst ist rückläufig. Lag der wertmäßige Anteil 2017 noch bei 3,9 %, ist dieser bis 2021 auf 3,6 % zurückgegangen. Im selben Zeitraum ist der Anteil der Diskonter von 26,9 % auf 27,5 % und jener der Verbrauchermärkte von 16,3 % auf 17,1 % gestiegen. (AMA, 2022)

Gleichzeitig steigen die Onlineanteile bei den einzelhandelsrelevanten Konsumausgaben in Österreich kontinuierlich an. Aktuell liegen die Ausgaben beim Einkauf im Internet-Einzelhandel bei € 10,4 Mrd. p.a. Im Vergleich zum Vorjahr bedeutet das eine weitere Steigerung von 8 %. Im Vergleich zu anderen Gütern verlagern sich die Konsumausgaben für Lebensmittel jedoch in einem deutlich geringeren Ausmaß in den E-Commerce. Von knapp € 30 Mrd. Konsumausgaben, die in Österreich jährlich im Einzelhandel für Lebensmittel ausgegeben werden, fließen nur 2 % in den E-Commerce. Die höchsten Anteile (jedoch bei deutlich geringen Gesamtausgaben) weisen die Produktkategorien Spielwaren (43 % der einzelhandelsrelevanten Konsumausgaben online), Sportartikel (37 %) und Bekleidung (34 %) auf. (Ziniel und Dorr, 2022)

Dementsprechend fällt auch in der Direktvermarktung von landwirtschaftlichen Produkten in Österreich der Online-Anteil gering aus. Nach einer Studie von Key Quest (2021) sehen 83 % der befragten 500 österreichischen Landwirte die Zukunftsaussichten der Direktvermarktung sehr positiv bzw. eher positiv. 28 % der österreichischen Landwirte sind Direktvermarkter, nur 7 % von diesen vermarkten online (Key Quest 2016). Aber auch die stationären Verkaufsstellen der Direktvermarkter werden technologisiert. So kommt es in Österreich immer stärker zum Einsatz von nicht-bemannten, vollautomatischen Verkaufsstellen in Form von z.B. Boxensystemen oder Vending Machines. Diese bieten den Landwirten die Möglichkeit ihre Produkte örtlich näher bei den Konsument:innen anzubieten.

Im Kontext von ländlicher Direktvermarktung wurden auf Basis von Voruntersuchungen (siehe z.B. Böhm und Krämer, 2020) Motive und Erfolgsfaktoren für die Umsetzung und den Betrieb von landwirtschaftlichen Direktvertriebslösungen untersucht. Direkter (analoger oder digitaler) Kundenkontakt, Partnerschaften mit anderen landwirtschaftlichen Produzenten, die Zusammenarbeit mit regionalen branchenfremden Partnern (z.B. Gastronomie, Beherbergung usw.), sowie die Einzigartigkeit und die Glaubwürdigkeit eines Direktvermarktungskonzepts erweisen sich als wichtige allgemeine Erfolgsfaktoren.

Beim Alter der Betreiber:innen zeigt sich, dass jüngere Betriebsleiter wesentlich häufiger auf Direktvermarktung setzen als ältere (Key Quest, 2021).

In diesem Kontext wurde jedoch den unterschiedlichen Betriebsformen des agrarischen Direktvertriebs noch zu wenig Aufmerksamkeit gewidmet. So soll im Rahmen des vorgeschlagenen Projekts die Komplexität der landwirtschaftlichen Direktvermarktung strukturiert erforscht werden. Erfolgsfaktoren müssen in diesem Kontext in Abhängigkeit von den eingesetzten Betriebstypen erarbeitet und untersucht werden.

Auf Basis dieses Hintergrunds können folgende Forschungsfragen abgeleitet werden. Diese werden im Rahmen des vorgeschlagenen Projekts beantwortet:

  1. Wie können die bäuerlichen Betriebe das Potential der Regionalität in ihrem Direktvermarktungskonzepten besser für sich nutzen?
  2. Wie lässt sich die Struktur (i.e. die Betriebsformen und das Angebot) der bäuerlichen Direktvermarktung in Österreich flächendeckend und ganzheitlich darstellen? Ganzheitliche Darstellung der Struktur bedeutet in diesem Kontext, dass alle wesentlichen, in Österreich vorkommenden Betriebsformen im Direktvertrieb und das dazugehörige landwirtschaftliche Produktangebot abgedeckt sind.
  3. Welche Formen der Direktvermarktung sind aus Kunden- und Anbietersicht erfolgversprechend?
  4. Welche digitalen Tools sind im Rahmen bäuerlicher Direktvermarktung dazu geeignet, die unmittelbare Konsumenten-Produzenten-Beziehung zu unterstützen? In diesem Zusammenhang darf beispielsweise auf die Arbeiten der Fa. Farm Lifes verwiesen werden: Farmcode | Farmlifes-Info

Praxisrelevanz

Die Corona-Pandemie hat die Wichtigkeit einer resilienten Lebensmittelversorgung und dabei auch die Wichtigkeit bäuerlicher Direktvertriebskonzepte deutlich gemacht. Der Krieg Russlands mit der Ukraine und die dadurch hervorgerufenen Engpässe der weltweiten Lebensmittelversorgung steigert das Bewusstsein der Konsument:innen für den Wert von Lebensmitteln.

Direktvertriebskonzepte geben dabei auch kleinen landwirtschaftlichen Betrieben die Möglichkeit, gänzlich Kontrolle über den eigenen Absatzkanal auszuüben. Da der Preisdruck von Seiten des Großhandels und/oder des Einzelhandels wegfällt und Kunden im ländlichen Direktvertrieb weniger preissensibel sind, haben landwirtschaftliche Betriebe die Möglichkeit, deutlich höhere Deckungsbeiträge zu erzielen.

Eine resiliente und direkte Vertriebsstruktur fördert auch alternative Modelle der Lebensmittelversorgung (z.B. Food Coops, CSA i.e. Community-based Agriculture oder Solidarische Landwirtschaft, Produktions- und Vertriebsgenossenschaften oder Bauernmärkte). Dennoch sind diese Arten von Vertriebswegen in der Landwirtschaft gerade erst im Entstehen und sind isoliert weder sichtbar noch als Pioniere in der Lage, eine gesamtgesellschaftliche Transformation voranzutreiben. Durch die Verlinkung mit Technologie und durch das Ausloten des möglichen Potenzials wird das regionale Innovationssystem in Österreich gestärkt und ausgebaut.

Berichte

Abschlussbericht

Kurzfassung

Die Studie untersucht die strukturelle Vielfalt, zentrale Erfolgsfaktoren sowie den Digitalisierungsgrad bäuerlicher Direktvermarktung in Österreich. Bislang fehlen flächendeckende empirische Analysen, die Betriebstypen systematisch erfassen und deren Erfolgslogiken aus Anbieter- und Nachfragersicht erforschen. Das Projekt adressiert diese Forschungslücke mittels eines Mixed-Methods-Ansatzes, bestehend aus einer umfassenden Onlineerhebung, einer breiten Telefonerhebung sowie qualitativen Tiefeninterviews mit Landwirt:innen und Konsument:innen. Ausgehend von der Relevanz und Resilienz regionaler Wertschöpfungsketten werden vier Forschungsfragen untersucht: (1) Nutzung des Potenzials der Regionalität in Direktvermarktungskonzepten, (2) umfassende strukturelle Darstellung der landwirtschaftlichen Direktvermarktung in Österreich, (3) Identifikation erfolgversprechender Vermarktungsformen aus Kund:innen- und Anbieterperspektive sowie (4) Analyse geeigneter digitaler Tools zur Unterstützung direkter Produzent:innen-Konsument:innen-Beziehungen. Die Ergebnisse zeigen eine begriffliche Unschärfe in der Direktvermarktung. Beim Versuch eine Betriebstypologie zu entwickeln wird die große Heterogenität der Angebotsformen sichtbar. Nichtsdestotrotz können sechs unterschiedliche Betriebstypen unterschieden werden und die Betriebe in Bezug auf ihre Ladengestaltung, ihrer Produkte und ihren Digitalisierungsgrad detailliert analysiert werden. Die qualitativen Tiefeninterviews bieten wesentliche Einsichten in Erfolgsfaktoren und Herausforderungen aus Perspektive der Bäuer:innen und der Konsument:innen. Direktvermarktung stärkt die Unabhängigkeit landwirtschaftlicher Betriebe, erhöht die Sichtbarkeit und ermöglicht den Aufbau einer eigenen Positionierung. Konsument:innen heben insbesondere Regionalität hervor, die aufgrund ihrer emotionalen und symbolischen Bedeutung ein zentraler Treiber von Kaufentscheidungen ist – stärker als etwa biologische Produktionsstandards. Im Bereich Digitalisierung zeigt sich ein erhebliches ungenutztes Potenzial: Viele Betriebe verfügen über kaum ausgebaute digitale Informationskanäle, obwohl gerade einfache digitale Maßnahmen (z.B. aktualisierte Websites, Google-Maps-Einträge, Social-Media-Profile) wesentlich zur Sichtbarkeit und Kund:innenbindung beitragen könnten. Die Studie schließt mit sieben klar formulierter Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Stärkung der landwirtschaftlichen Direktvermarktung in Österreich.

Berichtsdateien

Abschlussbericht ReLaDi: Resilienz, Struktur und Digitalisierung des landwirtschaftlichen Direktvertriebs, 08-02-2026

Abstract (deutsch)

Die Studie untersucht die strukturelle Vielfalt, zentrale Erfolgsfaktoren sowie den Digitalisierungsgrad bäuerlicher Direktvermarktung in Österreich. Bislang fehlen flächendeckende empirische Analysen, die Betriebstypen systematisch erfassen und deren Erfolgslogiken aus Anbieter- und Nachfragersicht erforschen.

Das Projekt adressiert diese Forschungslücke mittels eines Mixed-Methods-Ansatzes, bestehend aus einer umfassenden Onlineerhebung, einer breiten Telefonerhebung sowie qualitativen Tiefeninterviews mit Landwirt:innen und Konsument:innen.

Ausgehend von der Relevanz und Resilienz regionaler Wertschöpfungsketten werden vier Forschungsfragen untersucht: (1) Nutzung des Potenzials der Regionalität in Direktvermarktungskonzepten, (2) umfassende strukturelle Darstellung der landwirtschaftlichen Direktvermarktung in Österreich, (3) Identifikation erfolgversprechender Vermarktungsformen aus Kund:innen- und Anbieterperspektive sowie (4) Analyse geeigneter digitaler Tools zur Unterstützung direkter Produzent:innen-Konsument:innen-Beziehungen.

Die Ergebnisse zeigen eine begriffliche Unschärfe in der Direktvermarktung. Beim Versuch eine Betriebstypologie zu entwickeln wird die große Heterogenität der Angebotsformen sichtbar. Nichtsdestotrotz können sechs unterschiedliche Betriebstypen unterschieden werden und die Betriebe in Bezug auf ihre Ladengestaltung, ihrer Produkte und ihren Digitalisierungsgrad detailliert analysiert werden.

Die qualitativen Tiefeninterviews bieten wesentliche Einsichten in Erfolgsfaktoren und Herausforderungen aus Perspektive der Bäuer:innen und der Konsument:innen. Direktvermarktung stärkt die Unabhängigkeit landwirtschaftlicher Betriebe, erhöht die Sichtbarkeit und ermöglicht den Aufbau einer eigenen Positionierung. Konsument:innen heben insbesondere Regionalität hervor, die aufgrund ihrer emotionalen und symbolischen Bedeutung ein zentraler Treiber von Kaufentscheidungen ist – stärker als etwa biologische Produktionsstandards.

Im Bereich Digitalisierung zeigt sich ein erhebliches ungenutztes Potenzial: Viele Betriebe verfügen über kaum ausgebaute digitale Informationskanäle, obwohl gerade einfache digitale Maßnahmen (z.B. aktualisierte Websites, Google-Maps-Einträge, Social-Media-Profile) wesentlich zur Sichtbarkeit und Kund:innenbindung beitragen könnten.

Die Studie schließt mit sieben klar formulierten Handlungsempfehlungen zur nachhaltigen Stärkung der landwirtschaftlichen Direktvermarktung in Österreich.

Abstract (englisch)

The study examines the structural diversity, key success factors, and the degree of digitalization in farm-based direct marketing in Austria. So far, there has been a lack of comprehensive empirical analyses that systematically capture farm types and explore their underlying success logics from both the provider and consumer perspectives.

The project addresses this research gap using a mixed-methods approach, consisting of a comprehensive online survey, a broad telephone survey, and qualitative in-depth interviews with farmers and consumers.

Building on the relevance and resilience of regional value chains, four research questions are investigated: (1) the use of regional potential in direct marketing concepts, (2) a comprehensive structural overview of agricultural direct marketing in Austria, (3) the identification of promising marketing formats from both customer and provider perspectives, and (4) the analysis of suitable digital tools to support direct producer – consumer relationships.

The results reveal conceptual ambiguity in the field of direct marketing. In the attempt to develop a typology of farms, the considerable heterogeneity of offerings becomes evident. Nevertheless, six different farm types can be distinguished, and the farms can be analyzed in detail with respect to store design, product characteristics, and their degree of digitalization.

The qualitative in-depth interviews provide essential insights into success factors and challenges from the perspectives of farmers and consumers. Direct marketing strengthens the independence of agricultural enterprises, increases visibility, and enables the development of a distinct market position. Consumers particularly emphasize regionality, which — due to its emotional and symbolic significance — is a central driver of purchasing decisions, even more so than organic production standards.

In the area of digitalization, a substantial untapped potential becomes apparent: many farms have barely developed digital information channels, even though simple digital measures (e.g., updated websites, Google Maps entries, social media profiles) could significantly enhance visibility and customer loyalty.

The study concludes with seven clearly formulated recommendations for action aimed at sustainably strengthening agricultural direct marketing in Austria.

Autor/innen

Ziniel, W., Landendinger, P., Lechner, R., Nguyen, T., Pischikova, S., Zniva, R.