Multilokal

Allgemeine Projektinformationen

Titel (deutsch)

Multilokale Lebensweisen als Gestaltungsmöglichkeit für den ländlichen Raum

Titel (englisch)

Multilocal lifestyles

Abstract (deutsch)

 -

Abstract (englisch)

Within a qualitative and explorative research setting we suggest exploring multilocal ways of living. This trend is reinforced by the current pandemic, which questioned conventional ways of working, housing and living as well as accelerated the digitalization of society, education and working. Therefore, more people can shape their own vision of living in more than one location. The phenomenon itself is old as humanity and also researched, but the current trend is viewed as a game changing event. Furthermore, existent research focused on the individual decisions and lifestyles as well as on societal and demographic trends fostering and facilitating multilocal ways of live. We try to conceive the current trends hindsight the opportunities and threats for municipalities and actors in rural areas. We are interested in evolving solutions and the possibilities for public as well as private actors to shape and use this momentum for addressing their own problems and tasks.

On the basis of a sound research analysis, we will look for actors and projects operating on working and housing solutions, offers, infrastructures and networks for multilocal lifestyles. We aim to look for multilocal living persons participating in the local and regional networks. And we look for actors out of tourism, economy, towns and regions actively trying to use multilocal lifestyles as possibility. We will visit the projects and their contexts and interview responsible and affected actors. From comparing the findings we will derive lessons learnt and next tracks for actively shaping solutions for rural areas. Next to a research paper we will publish a condensed and easily accessible version providing a common understanding, lessons learnt from praxis and further possibilities for action and research.

Schlagwörter (deutsch)

Multilokal

Schlagwörter (englisch)

multilocal

Projektleitung

Markus Tomaselli

Forschungseinrichtung

Technische Universität Wien

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

Projektnummer

101709

Projektlaufzeit

-

Projektziele

Digitalisierung verstehen wir als gesellschaftliche Veränderung, die durch die Verbreitung neuer Kommunikations- und Datenverarbeitungstechnologien entsteht. Dieser globale Megatrend hat durch die Covid-19-Pandemie einen umfassenden Schub erhalten. Zudem wurden alltägliche, wöchentliche und jährliche Rhythmen und Abläufe irritiert, pausiert und damit temporär oder nachhaltig verändert. Neue Lebensstile wurden nötig, aber auch überhaupt vorstell- und umsetzbar – z. B. stellten durchgängiges Home-Office und die damit wegfallende örtliche Bindung gepaart mit verstärktem Bedürfnis nach Frei- und Grünraum bei vielen – z. B. bereits zuvor multilokal Lebenden oder aus dem ländlichen Raum Weggezogenen – den aktuellen Wohnstandort fast automatisch in Frage. Dieses Rad wird sich nach dem noch nicht absehbaren Ende der Pandemie nicht in den ursprünglichen Zustand zurückdrehen – vielmehr wird es sich weiterdrehen, weil viele der aufkommenden Phänomene und Entwicklungen in der Breite erst allmählich und nach mit Verzögerung Effekt zeigen.

Aus Sicht der räumlichen Entwicklung stellt sich nun die Frage, wie Technologien, Lebensstile, Wertschöpfungsketten, soziale und technische Infrastrukturen und die räumliche Gestaltung von der Wohnung über den Dorfkern bis zur Landschaft neu zusammenwirken können, um die Aufgaben der Daseinsvorsorge und der nachhaltigen Entwicklung zu unterstützen und welche Rolle hier multilokale Lebensstile spielen.

ktes wird das Thema der multilokalen Lebensweisen auf theoretischer und empirischer Ebene in einem qualitativ-explorativen Setting untersucht. Die These ist, dass multilokal Lebende als frühe Sensoren für neue Lebensstile, Wertschöpfungsketten und Funktionsmischungen im ländlichen Raum gesehen werden können. Bevor sich Lebensstile in der Breite verändern und große Lebensentscheidungen wie Umzüge oder berufliche Umorientierungen getätigt werden, kann die multilokale Lebensweise einen geschützten und flexiblen Rahmen für private Experimente mit neuen Lebens- und Arbeitskonzepten bieten.

Dabei ist insbesondere interessant, welche neuen Arbeits- und Wohnkonzepte im ländlichen Raum entstehen und entstehen könnten bzw. inwiefern multilokal Lebende auch Beiträge zur Bewältigung von Herausforderungen und Zukunftsaufgaben im ländlichen Raum leisten. Daher soll es explizit nicht um Zweitwohnsitze gehen, sondern um multilokale Lebensweisen, die im ländlichen Raum neue Potentiale erschließen und zukunftstaugliche Antworten geben.

Durch die neuen Möglichkeiten der digitalen Wertschöpfung bietet der ländliche Raum ein enormes Potential an Lebensqualität. Doch Naturnähe plus Glasfaseranbindung sind sicher nicht die einzigen Faktoren, an denen sich erfolgreiche Konzepte messen werden. Anhand der Untersuchung multilokal Lebender in ihren dörflichen und ländlichen Kontexten erwarten wir Rückschlüsse auf:

  • Neue Wohn- und Arbeitskonzepte im ländlichen Raum, und wie diese im Sinne der nachhaltigen Gemeindeentwicklung gefördert und genutzt werden können
  • Die Rolle der Dorf- und Regionalentwicklung in der Gestaltung dieses zunehmenden Phänomens
  • Neue räumliche, bautypologische und organisatorische Nutzungskonzepte
  • Neue Ansatzpunkte für soziale Infrastrukturen sowie alternative und nachhaltige Mobilitätskonzepte
  • Neue Kooperationen zwischen etablierten Akteur*innen wie Tourismus, Versorgungsinfrastrukturen und sozialen Einrichtungen und neuen lokalen bzw. regionalen Netzwerken


Folgende Forschungsfragen werden bearbeitet:

  • Wie tragen multilokale Lebensentwürfe zu neuen Mischungen, Funktionalitäten, Infrastrukturen und Formen des Zusammenlebens im ländlichen Raum bei? Welche Vor- und Nachteile entstehen dadurch? Was entsteht neu …?
    • Engagement und Wissen
    • Netzwerke und Verbindungen
    • Wertschöpfungskreisläufe und Nachfrageketten
    • Infrastrukturen, vom smarten Dorfladen bis zum Sharing
    • Belebung vormals leerstehender Flächen und Dorfkerne
    • Wertschöpfungsmodelle, z. B. im Tourismus (workationn)
  • Wie könnten die gefundenen Lösungen und Ansatzpunkte für Multilokale aber auch für permanente Lebensstile im ländlichen Raum im Sinne einer nachhaltigen Entwicklung genutzt werden? Welche Handlungsmöglichkeiten und -aufträge ergeben sich für verschiedene Akteur:innen?
  • Wie sind die gefundenen Lösungen entstanden? (Prozess und Genese)
  • Welche ansässigen, multilokalen und neuen Akteur:innen spielen zusammen?
  • Welche Rolle spielen die Lage, die Nutzungsmischung, der öffentliche Raum, die Gebäudetypologien und die sozialen sowie technischen Infrastrukturen?
  • Welche Kopplungen, zusätzlichen Angebote und Strukturen machen es besonders attraktiv und produktiv, Arbeits- und/oder Wohnstandorte temporär oder dauerhaft in den ländlichen Raum zu verlagern?

Wir sehen dieses Projekt, während die Covid-19-Pandemie weiterhin unser aller Leben und insbesondere das Forschungsfeld beeinflusst, als essenziellen Beitrag im Diskurs rund um Multilokalität. Die klare Ausrichtung auf den Einfluss bzw. das Potenzial multilokaler Lebensweisen bzw. multilokal Lebender auf/für den ländlichen Raum und bestehende Strukturen lässt wichtige Rückschlüsse für die nachhaltige Etablierung ländlicher Lebens- und Arbeitsstandorte zu. Multilokal Lebende sind ein wichtiger Gradmesser für aktuelle, aber auch zukünftige Entwicklungen – sie sind die Vorbot:innen einer stattfindenden Transformation. Ihre Bedarfe und Herangehensweisen, aber auch Ressourcen für den neuen Standort gilt es frühzeitig zu erforschen und auf verschiedenen Ebenen zugänglich zu machen.

Das Forschungsprojekt verfolgt zusammengefasst folgende Ziele:

  • Beitrag zur Diskussion rund um Definition, Typen und Dimensionen von Multilokalität
  • Lernen von Beispielen: Sammeln, Bündeln und Weitergeben von Knowhow
  • Verknüpfen von Expertisen, Disziplinen und Blickwinkeln
  • Möglichkeiten und Ansätze der Gemeinde- und Regionalentwicklung finden/ableiten, um das Thema Multilokalität koordiniert angehen zu können – auf unterschiedlichen Ebenen: Nachbarschaft, Gemeinde, Region, Bundesland
  • Handwerkszeug für Raumplanung, Architektur, Beratung sowie in der Lehre und Forschung an den Universitäten liefern
  • Grundlagen für andere Forschungs- und Praxisinstitutionen schaffen
  • Handlungsempfehlungen, um Chancen und Potentiale der Multilokalität umsetzen: in Gemeinden, Regionen, Tourismusgebieten und generell im ländlichen Raum

Praxisrelevanz

Multilokalität ist ein Querschnittsthema – insbesondere im ländlichen Raum. Deshalb sehen wir eine große Bedeutung des Projektes für verschiedene Themenbereiche:

Tourismus:

In Tourismusgebieten ist Multilokalität aktuell eher ein rotes Tuch, kämpft man doch seit Jahren mit den Folgen der Zweitwohnsitze. Hier wollen wir eine klare Positionierung im Spektrum der Multilokalität erarbeiten, welche neue Möglichkeiten abseits der reinen Freizeit-Zweitwohnsitze aufzeigt. Gleichzeitig kann eine frühzeitige Einbindung des Trends zur multilokalen Lebensweise in die regionalen Tourismuskonzepte wegweisend in Richtung sanfter Tourismus bzw. für die Erschließung neuer Zielgruppen mit Mehrwert für den Standort sein. Hemmnisse, mögliche Herausforderungen oder Probleme werden im Rahmen des Projektes ebenso adressiert wie die positiven Aspekte von Multilokalität für den Tourismus.

Lokale Wirtschaft, insbesondere Landwirtschaft:

Es entstehen neue Wirtschaftskreisläufe bzw. bestehende lokale Wirtschaftskreisläufe erweitern sich. Multilokale sind zusätzliche Abnehmer:innen mit Verflechtungen zu anderen Orten. Sie sind damit potentielle Botschafter:innen für lokale Produkte und tragen diese weiter. Gleichzeitig gibt es Potenzial für zusätzliche Engagierte, Ideen, Innovation bzw. Unterstützung mit Knowhow. Multilokale können sich in die Produktentwicklung und Produktion vor Ort einbringen.


Umwelt:

Multilokale Lebensweisen stehen eigentlich im Widerspruch zu einer nachhaltigen Entwicklung: (mindestens) zwei Wohnsitze, eine höhere Mobilität zwischen den Standorten und damit ein potentiell höherer Ressourcenverbrauch. Dieser Aspekt muss vor allem im Zusammenspiel mit den jeweiligen lokalen Rahmenbedingungen unbedingt mitbedacht werden. Es braucht sparsame und flächenschonende Siedlungsentwicklung, effiziente Wohnformen, die Nutzung vorhandener Ressourcen wie Leerstände und kluge Mobilitätskonzepte. Es stellt sich die Frage, unter welchen Voraussetzungen der intelligenten Ressourcennutzung und der Vermeidung von anderen Phänomen wie Fernreisen, Zweitwohnsitzen, zu großen Wohnflächen und vielen mehr Multilokalität zu einem nachhaltigen und qualitätsvollen Lebensstil beiträgt.

Zusammenleben:

Die Bevölkerung wird erweitert und es entstehen neue Netzwerke – inter- und überregional. Das bietet Potenziale für Inputs von außen, neue Sichtweisen aber auch Andockmöglichkeiten für bisher wenig adressierte Gruppen wie Frauen oder Selbstständige. Neue Orte des Zusammenlebens und Begegnens können entstehen.

Daseinsvorsorge/Infrastruktur:

Neue Menschen am Standort tragen zur Sicherung und Stärkung der Nahversorgung, der Vertretung diverser Institutionen, Angeboten, Geschäften oder Gastronomie bzw. sozialer Infrastruktur bei. Sie bergen über ihre Nachfrage, aber auch über ihre Ideen und ihr Engagement ein Potenzial für die Ergänzung des bestehenden Angebots

Soziales:

Mit Multilokalen können im lokalen Kontext neue Lebens-, Wohn- und Arbeitsmodelle entstehen. Diese können auch für bestehende Gruppen im ländlichen Raum neue Möglichkeiten eröffnen. So ziehen vor allem gut ausgebildete Frauen häufiger weg, da sie in einem maskulin und traditionell dominierten Umfeld weniger Raum einnehmen können und stärker mit einengenden, traditionellen Rollenbildern konfrontiert sind – um nur zwei Aspekte zu nennen. Multilokalität könnte ein Modell sein, um den ländlichen Raum für Frauen und marginalisierte Gruppen attraktiver zu gestalten.