BIODIVERS

Allgemeine Projektinformationen

Titel (deutsch)

„Hecken für Hühner“ – Untersuchungen zur nachhaltigen Gestaltung des Auslaufs in der Freilandhühnerhaltung zur Etablierung resilienter Produktionssysteme und zur Stärkung der Biodiversität in der Landwirtschaft

Titel (englisch)

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Abstrakt (deutsch)

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Abstrakt (englisch)

The project aims to evaluate the integration of natural hedges within free-range hen runs to contribute to hens’ welfare and biodiversity conservation within agricultural systems. Under free range conditions most hens do not use the available space, but instead stay close to the barn. This leads to increased eutrophication and overexploitation of the free range area. At the same time farmers face administrative restrictions that do not allow them to use the subutilized land in another way and are thus confronted with land loss. Moreover, in the last decades, intensification of agriculture led to a drastically decline of biodiversity in cultivated landscapes and, connected with this to a decline in insect population, which represent an important feed for other animals and contribute to ecosystem services (ESS; e.g. pollination). However, introducing enriched structures via diverse, native hedges, farmers can contribute to animal welfare, biodiversity and ESS. Hedges in free range areas attract a higher diversity of insect species that provide us with fundamental goods. Futhermore, hedges provide shelter from predators and abiotic factors and can encourage hens to use rotationally larger proportions of their runs. A more homogeneous distribution of hens reduces excreta accumulation and thus prevent eutrophication. The plant and insect diversity as well as hen behavior is investigated in transects with exclosure cages. Exclosure cages are used to isolate defined plots in the hen run to study the plant growth without interference of hens. To investigate if there is additional intake of those protein sources, excretion patterns are investigated using n-alcanes and NIRS. Additionally, annual crop plants in enriched free range runs used in rotation between hedges reduce soil erosion and prevent overfertilization by biomass removal. Farmers are confronted with legal regulations and provisions that are not adequate for the animals nor are they a good solution for the farmers. The implementation of hedges and rotational areas represent a compromise between ecological and economical needs, a sustainable and future-orientated solution for conservation and successful agriculture.



Schlagwörter (deutsch)

Legehennen,Biodiversität,Ökosystemleistungen,Fütterung

Schlagwörter (englisch)

biodiversity

Projektleitung

Martin Gierus

Forschungseinrichtung

Universität für Bodenkultur Wien

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

Projektnummer

101689

Projektlaufzeit

-

Projektziele

„Hecken für Hühner“ ist ein durch verschiedene Disziplinen der Wissenschaft (Biodiversität, Ökologie, Verhalten, Tierernährung) gestütztes Projekt, zur Erforschung der nachhaltigen Gestaltung der Auslaufflächen für Freilandhühner. Dabei soll durch eine gezielte Ausbringung von Hecken (und evt. Bäumen) auf Freilandhühnerflächen zu einem erhöhten Tierwohl und gleichzeitig zum Natur- u. Artenschutz im landwirtschaftlich genutzten Bereich beigetragen werden. Das Projekt dient dazu, die Merkmale im Bereich der Auslaufgestaltung zu identifizieren und zu evaluieren, welche die langfristige Integration von Landwirtschaft und Erhalt der Biodiversität bei einer gemeinsam genutzten Fläche ermöglichen. Dadurch sollen v.a. die von Insekten bereitgestellten Ökosystemleistungen (Bestäubung, Biokontrolle relevanter Krankheitserreger, Zersetzung organischen Materials) unterstützt werden. „Hecken für Hühner“ stellt somit einen möglichen Kompromiss zwischen Landwirtschaft und Biodiversitätserhalt dar, indem wichtige ökologische, landwirtschaftliche und ökonomische Aspekte der Freilandhühnerhaltung interaktiv berücksichtigt werden. Fragen zu Methoden zum Erhalt der Biodiversität sind schon lange zu einem sozio-politischen Thema geworden und eine Durchsetzung effektiver Methoden zur Bildung von resilienter Produktionssystemen sind u.a. auch in Betracht des Klimawandels dringend notwendig.
Die Vorfahren der heutigen Legehennen waren Waldbewohner, die im Dickicht und auf Bäumen Schutz fanden. Hecken als natürliche Strukturen im Auslauf bieten den Hühnern diesen Schutz vor Raubfeinden (u.a. Habicht) und Umwelteinflüssen (z.B. Regen, Wind) sowie einen Rückzugsort, um agonistischen sozialen Interaktionen aus dem Weg zu gehen oder um natürlichen Verhalten nachzugehen, wie Komfortverhalten (Spangenberg et al. 2012). Es wird erwartet, dass das Angebot abwechslungsreicher, vielseitiger Nischen zur verstärkten Nutzung der Auslauffläche und gleichzeitig zu einer gleichmäßigeren Verteilung der Hühner im Auslaufbereich führt (Singh & Cowieson 2013, Larsen et al. 2017). Auch die Umwelt profitiert von einer gleichmäßigeren Verteilung der Hühner, da ein erhöhter punktueller Nährstoffeintrag reduziert wird (Kratz et al. 2004). Eine intakte Vegetation und v.a. zusätzlich ausgebrachte Hecken im landwirtschaftlichen Gebiet tragen zur Reduzierung von Treibhausgasen bei und helfen den Boden vor Umwelteinflüssen zu schützen (Falloon et al. 2004, Thiel 2004; Schoeneberger et al. 2012; Kratz et al. 2004). Ein intaktes Haltungssystem für Freilandhühner mit Hecken kann zudem eine Bereicherung für den landwirtschaftlichen Raum darstellen (Brandle & Hodges 2004). Den Nutzen den LandwirtInnen aus natürlich strukturierten Ausläufe ziehen können sind weniger Ausfälle von Hühnern, ein gesünderer Auslauf mit intakter Vegetationsdecke sowie ein vitalerer Boden. Außerdem können ausgebrachte Hecken eine zusätzliche Einkommensquelle für die Landwirte darstellen, indem z.B. ihr Holz zur Energiegewinnung (Hackschnitzel) verarbeitet werden könnten (Spangenberg et al. 2012). Die angelockten Blüten-bestäubenden Insekten bringen außerdem einen Nutzen für die Betreiber, indem Obst- und Gemüsepflanzen bestäubt werden. Des Weiteren können sie auch von natürlichen Schädlingsbekämpfern (Nützlinge die Schädlinge eliminieren) profitieren ohne Insektizide einzusetzen (Clark & Gage 1996). Jede Vorkehrung zur strukturellen Bereicherung der Freilandausläufe, die Hühner dazu bringt eine größere Fläche des Auslaufes zu nutzen als zuvor ist als Erfolg zu werten und trägt für eine effiziente, nachhaltige und ökonomisch wertvolle Landwirtschaft bei. Denn ein immergrüner Bewuchs der Flächen, der länger erhalten bleibt trägt nicht nur zum Schutz der Umwelt, sondern auch zu einem gesteigerten Image des Betriebs bei.
Um den Einfluss von Hecken quantitativ bestimmen zu können werden ökologische, verhaltensbiologische und ernährungsphysiologische Untersuchungen in mit Hecken strukturierten Ausläufen und solchen, die fast ausschließlich aus Wiesenflächen bestehen, durchgeführt und die gewonnenen Ergebnisse miteinander verglichen. Zu Beginn werden Bestandsaufnahmen der Flora hinsichtlich Vegetationsstruktur und Artenzusammensetzung innerhalb der Ausläufe sowie der Entomofauna als Indikatorgruppen (v.a. Blüten besuchende Arten, wie Wildbienen (Hymenoptera), Tagfalter (Lepidoptera), Schwebfliegen (Diptera) und Käfer (Coleoptera)) untersucht. Außerdem wird zusätzlich der Bestand von Bodenarthropoden bestimmt, als Maß für eine intakte Bodenfauna (Rasran et al. 2018). Die Bodenfauna wird zusätzlich mit Metabarcoding auf DNA-Ebene aus Bodenproben untersucht. Um Veränderungen in den Pflanzen- und Tiergesellschaften im Zusammenhang mit der Ausbringung von Hecken evaluieren zu können, ist es wichtig die vergleichenden ökologischen Untersuchungen über eine längere Zeit hinweg zu beobachten. Mit Hilfe solcher Informationen können Ausläufe zukünftig nachhaltiger gestalten werden (v.a. Wahl von Pflanzen, die eine erhöhte Robustheit gegen Scharr- und Pickverhalten der Hühner aufweisen). Zusätzlich wird untersucht, ob sich das Verhalten und die Flächennutzung der Hühner mit der Ausbringung von Hecken verändert. Da noch wenig über die zusätzliche Aufnahme von tierischen und pflanzlichen Material bei Freilandhühnern bekannt ist, Informationen darüber aber von großem Interesse sind, werden zusätzlich auch grundlegende ernährungsbasierte Untersuchungen durchgeführt. Dazu zählen Fütterungsversuche mit Hühnern, bei denen der Einfluss steigender Mengen an Grünfutter (Grünmehl, Luzernemehl) auf die Futteraufnahme, sowie Ausscheidungsmuster der o.g. Marker untersucht werden. Anhand von Exkrement- und Futterproben, werden Untersuchungen zum n-Alkan-Muster gewonnen, die für weitere Feldstudien dienen sollen und zur Etablierung von Kot-NIRS-Methode (Schiborra et al. 2016) beitragen sollen. Diese Untersuchungen werden durch Metabarcoding von Kotproben, sowie Mageninhalt, soweit verfügbar, ergänzt. Damit wird die Diversität der aufgenommenen pflanzlichen und tierischen Nahrung quantifiziert, auch im Verhältnis zum eingesetzten Futter. Die Freilandhühnerhaltung von Legehennen dient hier nur als Modell, denn das Prinzip von „Hecken für Hühner“ soll und kann zukünftig auch auf Masthühner und Bruderhahn-Tiere sowie andere Geflügelarten übertragen werden.

Praxisrelevanz

Im Rahmen des Übereinkommens der Biologischen Vielfalt sowie der EU-Biodiversitätsstrategie wurden Ziele angestrebt, die dem Erhalt der Biodiversität dienen. Eine zentrale Rolle bei diesen Vorhaben spielt der Schutz von Ökosystemleistungen (ÖSL), welche Dienstleistungen umfassen, die von der Natur erbracht werden und für den Menschen von existentiellem Wert sind (Erhalt der Bodenqualität, Nahrungssicherheit, Klimaregulierung). Als Bestandteil der ÖSL ist der dramatische Rückgang an Insekten in unseren Kulturlandschaften alarmierend und ernst zu nehmen. Als Gründe für die drastische Abnahme der Biodiversität und der Schwächung der damit verbundenen ÖSL werden v.a. der Verlust an Lebensräumen für wildlebende Tiere und Pflanzen durch eine zunehmende Urbanisierung und der Verlust an kleinstrukturierten landwirtschaftlichen Flächen genannt (UBA 2011). Herbizide löschen die natürliche Begleitvegetation auf Äckern u. Feldern aus und mit ihr die Insekten, welche sich von deren Pollen und dem Nektar ernähren. Damit verschwindet neben ihrer Nahrungsgrundlage auch ihr Lebensraum in welchem sie Unterschlupf finden. Zusätzlich tragen Insektizide zum kaskadenartig-verbundenen Verschwinden weiterer Arten (zB Vögel) bei. Es ist höchste Zeit jetzt nachhaltig und zukunftsorientiert zu handeln und unserer Verpflichtung zum Erhalt der genetischen Vielfalt in unseren Kulturlandschaften nachzukommen, mit der Herausforderung dies gemeinsamen mit der landwirtschaftlichen Nutzung der Flächen zu vereinbaren. Um dieses gemeinsame Ziel zu erreichen sind innovative und interdisziplinäre Lösungsvorschläge, die eine Ökologisierung der Landwirtschaft berücksichtigen, dringend notwendig.

Neben dem Bewusstsein für die Bedeutung von ökologischen Prozessen in unserem Alltag, ist auch das Bewusstsein der Konsumenten für die Gewinnung von Lebensmitteln gestiegen. Der Konsument von heute möchte wissen, wo seine Lebensmittel herkommen und wie es den Tieren, von denen die Lebensmittel stammen, geht. Dadurch ist auch die Nachfrage nach ökologisch-nachhaltigen produzierten Lebensmitteln gestiegen, die ein erhöhtes Tierwohl implizieren. Dies führt dazu, dass die Freilandhaltung einen immer höheren Stellenwert in der Fleisch- und Eierproduktion einnimmt. Besonders in der jetzigen Situation mit COVID-19 steigt die Nachfrage nach regionalen Produkten. In Österreich stammen ca. 22% der Eier aus der Freilandhaltung, weitere 12% aus der biologischen Tierhaltung (QGV 2018). Ihr flächenmäßiger Anteil ist beträchtlich, wenn man bedenkt, dass jedem Tier mindestens 8m² Auslauf zur Verfügung stehen muss (4m² bei gekoppelter Haltung; AMA 2019). Allerdings wird der Auslauf häufig aufgrund fehlerhaften Managements sowie einer ungenügenden Bereitstellung strukturierter Flächen nicht effizient genutzt. Daraus ergeben sich folgende Problemfelder: a) die Tiere halten sich vorwiegend gedrängt in Stallnähe auf und sind vermehrt gestresst (Patzke et al. 2009), b) es kommt dort zur Überbeanspruchung des Bodens und zum Verlust der Vegetation, c) es kommt zur Eutrophierung und Anhäufung von pathogenen Mikroorganismen, welche wiederum Einfluss auf die Tiergesundheit haben, d) es kommt zum Verlust landwirtschaftlich bearbeitbarer Flächen, da die von den Hühnern aktuell nicht genützten Flächen, aufgrund gesetzlicher Richtlinien in Österreich, nicht in anderer Weise bearbeiten werden dürfen.

Das vorgestellte Projekt, einer Freilandhühnerhaltung unter Berücksichtigung des Erhalts der Biodiversität im landwirtschaftlich-genutzten Raum, bietet zusätzlich zu vorhandenen ÖPUL Vorhaben, eine innovative Möglichkeit Landwirtschaft u. Naturschutz zu kombinieren. Es stellt einen Kompromiss zwischen ökologischen und ökonomischen Aspekten dar, indem sowohl die Nutztiere durch das Habitat und die Lebewesen, die darin vorkommen, als auch der Betreiber, der von der Natur und den von ihr dargebotenen ÖSL lebt, einen Vorteil erzielen. Denn Fragen zu Methoden, welche dem Erhalt der Biodiversität dienen sind schon lange zu einem sozio-politischen Thema geworden und eine Durchsetzung effektiver Methoden zur Bildung resilienter Produktionssysteme sind in Betracht des Klimawandels dringend notwendig. Gleichzeitig profitieren die auf diesen Flächen gehaltenen Hühner von einer abwechslungsreichen Umgebung, welche ihnen Beschäftigung, Nahrung, Schutz und Ausweichmöglichkeiten bietet. Hecken helfen den Boden zu erhalten und übermäßige Mengen an durch Hühner eingebrachte Nährstoffe abzubauen. Eine gezielte Auswahl an Pflanzenarten kann diese positiven Effekte auf das Ökosystem zusätzlich forcieren. Unter dem Schutz von Hecken wird erwartet, dass die Hühner sich gleichmäßiger verteilen, was auch zu einem erhöhten Tierwohl und einer besseren Gesundheit der Hühner beitragen kann.