KLIMAGAP-AT: Identifikation systemischer Wissenslücken zur Ernährungssicherung unter klimawandelbedingten Stresssituationen in Österreich

Projektleitung

Sonja Hackl

Forschungseinrichtung

Umweltbundesamt GmbH

Projektnummer

102313

Projektlaufzeit

-

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft

Allgemeine Projektinformationen

Abstract (deutsch)

Der fortschreitende Klimawandel stellt die Ernährungssicherung in Österreich vor zunehmende Herausforderungen. Steigende Temperaturen, veränderte Niederschlagsmuster, häufigere Extremereignisse wie Dürren oder Starkniederschläge sowie potenzielle klimatische Kipppunkte, etwa eine Abschwächung der Atlantischen Meridionalen Umwälzzirkulation (AMOC), wirken als Risikomultiplikatoren entlang der gesamten Lebensmittelversorgungskette. Obwohl zahlreiche Einzelstudien zu klimabedingten Auswirkungen auf landwirtschaftliche Erträge, Produktionssysteme und regionale Anbaubedingungen vorliegen, fehlt bislang eine integrierte, systemische Betrachtung dieser Entwicklungen im Kontext der österreichischen Ernährungssicherung.

Das Projekt KLIMAGAP-AT adressiert diese Lücke durch eine interdisziplinäre Analyse und Synthese bestehender Wissensbestände. Ziel ist die Identifikation zentraler Wissenslücken sowie die Ableitung zukünftiger Forschungs- und Handlungsbedarfe zur langfristigen Sicherung der Lebensmittelversorgung. Methodisch kombiniert das Projekt qualitative Fokusgruppeninterviews, systematische Literaturrecherchen sowie vertiefende Expert:inneninterviews. Die gewonnenen Erkenntnisse werden in einer systemischen Gesamtschau zusammengeführt, um Wechselwirkungen, Kaskadeneffekte, Vulnerabilitäten und Expositionen innerhalb des Ernährungssicherungssystems sichtbar zu machen. Ein Policy Brief fasst die zentralen Ergebnisse zusammen und leitet konkrete, umsetzungsorientierte Empfehlungen ab.

Im Fokus stehen insbesondere die Auswirkungen klimawandelbedingter Stresssituationen auf Ackerbau und Grünlandbewirtschaftung, die Entwicklung des Kulturartenspektrums, Veränderungen von Handelsströmen und Importabhängigkeiten, der nationale Selbstversorgungsgrad sowie der physiologische Nährstoffbedarf der Bevölkerung. Ergänzend werden rechtliche und institutionelle Rahmenbedingungen, darunter das Lebensmittelbewirtschaftungsgesetz, im Hinblick auf ihren Handlungsspielraum in Krisensituationen analysiert.

Die Ergebnisse von KLIMAGAP-AT liefern eine fundierte Grundlage für evidenzbasierte Entscheidungsprozesse in Politik und Verwaltung. Durch die systematische Aufarbeitung von Wissenslücken und Unsicherheiten trägt das Projekt dazu bei, Fehlanpassungen zu vermeiden, die Resilienz des österreichischen Ernährungssystems zu stärken und strategische Maßnahmen zur Klimawandelanpassung zielgerichtet weiterzuentwickeln.

Schlagwörter (deutsch)

Klimawandel, Ernährungssicherung, Klimawandelanpassung, Landwirtschaft, Wissenslücken, Gap-Analyse, Klimafolgenabschätzung, Versorgungssicherheit, Österreich, Resilienz, Vulnerabilität, Agrarsysteme, Lebensmittelversorgungskette

Titel, Abstract, Schlagwörter (englisch)

Titel (englisch)

Identification of systemic knowledge gaps in food security under climate related stress conditions in Austria

Abstract (englisch)

Climate change poses growing challenges to food security in Austria. Rising temperatures, altered precipitation patterns, increasing frequency and intensity of extreme weather events such as droughts and heavy rainfall, as well as potential tipping points, including a decline of the Atlantic Meridional Overturning Circulation (AMOC), act as risk multipliers across the entire food supply chain. While numerous studies have investigated climate impacts on agricultural yields, production systems and regional growing conditions, an integrated and systemic assessment of these dynamics in relation to Austria’s food security is still lacking.

The KLIMAGAP-AT project addresses this gap by conducting an interdisciplinary analysis and synthesis of existing knowledge. Its main objective is to identify knowledge gaps and derive future research and policy needs to support the long-term resilience of the national food system. Methodologically, the project combines a focus group discussion, systematic literature reviews and in-depth expert interviews. The results are integrated into a systemic assessment framework to capture interdependencies, cascading effects, vulnerabilities and exposure patterns within the agriculture and food system.

Key thematic areas include climate-induced stress impacts on arable farming and grassland management, shifts in crop ranges, changes in trade flows and import dependencies, national levels of self-sufficiency, and the population’s physiological nutrient requirements. In addition, legal and institutional frameworks are examined regarding their capacity to respond effectively to climate-related emergency situations.

KLIMAGAP-AT provides evidence to support policy-making and strategic planning. By systematically identifying uncertainties and knowledge gaps, the project contributes to avoiding maladaptation, strengthening the resilience of Austria’s agriculture and food system and further developing climate adaptation strategies.

Schlagwörter (englisch)

climate change, food security, agriculture, adaptation, risk assessment, research gaps, climate adaptation, food and agriculture systems, agrifood systems, vulnerability

Projektziele

Vor dem Hintergrund steigender Temperaturen, veränderter Niederschlagsmuster, zunehmender Extremwetterereignisse sowie möglicher Überschreitungen von Kipppunkten im Klimasystem (insbesondere einer Abschwächung der Atlantischen meridionalen Umwälzzirkulation – AMOC) (Lenton et al., 2025) soll im Projekt „KLIMAGAP-AT“ systemisch untersucht werden, welche Auswirkungen diese Szenarien auf die landwirtschaftliche Produktion (Ackerbau und Grünland) und in weiterer Folge auf die Lebensmittelversorgung in Österreich haben können. In dem Projekt werden dabei meteorologische, agrarwissenschaftliche, gesellschaftliche, rechtswissenschaftliche, ökonomische und geopolitische Auswirkungen beleuchtet, diskutiert und miteinander verknüpft.

Einzelstudien und Modellierungen zu Klimaauswirkungen auf globaler, europäischer, nationaler und regionaler Ebene hinsichtlich u. a. zukünftiger landwirtschaftlicher Erträge, geeigneter Kulturpflanzen oder regionaler Produktionsbedingungen liegen bereits vor. Bislang fehlt jedoch eine umfassende Synthese inkl. systemischer Betrachtung und damit auch einer der wesentlichsten Bausteine für eine Klimafolgenabschätzung im Konnex zur Ernährungssicherung in Österreich.

Das zentrale Projektziel ist daher die Schaffung essenzieller Grundlagen für eine Klimafolgenabschätzung im Konnex zur Ernährungssicherung, mit Fokus auf Ackerbau, Grünlandbewirtschaftung sowie unter Berücksichtigung von Im-/Export und physiologischer Nährstoffbedarfe. Die kritischsten Klimafolgen werden bei Projektstart durch eine Fokusgruppe identifiziert (z.B. projizierter Temperaturanstieg inkl. Extremwerte, mehrjährige Dürre, Zusammenbruch des AMOC). Darauf aufbauend werden die Auswirkungen auf die österreichischen Agrar- und Lebensmittelversorgungssysteme, Wechselwirkungen, Kaskadeneffekte, Vulnerabilitäten und Expositionen des Lebensmittelversorgungssystems via Expert:innen-Interviews abgeschätzt (Kulturartenspektrum, Anbaupotenzial, die Ertragssicherheit landwirtschaftlicher Produkte). Ziel ist die Erhebung zukünftiger klimawandelbedingter Risiken für die Ernährungssicherung.

Ein weiteres Projektziel stellt die Identifikation bestehender Wissenslücken in diesem Themenkomplex dar, welche v. a. auf Basis einer umfassenden Literaturrecherche und im Rahmen der Expert:innen-Interviews erfolgt.
Durch die systemische Betrachtung können Wissenslücken im System Ernährungssicherung insbesondere im Bereich der folgenden Aspekte identifiziert, miteinander verknüpft und zum Teil bereits geschlossen werden:
>Unterschiedliche Klimaszenarien und Klimafolgen
>Auswirkungen möglicher Kipppunkte (z.B. AMOC)
>Berücksichtigung von Klimawirkungsketten (Kaskadeneffekte, Multirisiken)
>Rolle von Expositionen (auf Ebene von Großproduktionsgebieten)
>Auswirkungen auf die Produktionssysteme Ackerbau und Grünland
>Verschiebung des Kulturartenspektrums
>absehbare Veränderungen der Handelsströme
>Vulnerabilitäten im österreichischen Ernährungssicherungssystem
>weitere Entwicklung des Selbstversorgungsgrads
>zu berücksichtigender physiologischer Nährstoffbedarf der Bevölkerung
>Handlungsspielraum der Legislative bei klimawandelbedingten Stresssituationen (inkl. Anwendungsmöglichkeit des Lebensmittelbewirtschaftungsgesetzes (LMBG))
>Berücksichtigung von Fehlanpassung, Pfadabhängigkeiten und den Grenzen der Anpassung

KLIMAGAP-AT schließt so bestehende Wissenslücken, identifiziert interdisziplinär noch offene Lücken und erhebt den zukünftigen Forschungsbedarf zur Ernährungssicherung in Österreich.
Aus den oben genannten Projektzielen ergeben sich folgende Forschungsfragen:

>Wie wirken sich klimawandelbedingte Stresssituationen auf zukünftige landwirtschaftliche Produktionssysteme (Ackerbau und Grünland) und in weiterer Folge auf die Lebensmittelversorgung in Österreich aus?
>Welche Wissenslücken hemmen die „gute“ Anpassung der Landwirtschaft sowie des gesamten Ernährungssystems an zukünftige klimawandelbedingte Stresssituationen, und welche Maßnahmen können diese adressieren?
>Wie können die gewonnenen Erkenntnisse die Gestaltung von Strategien zur Klimawandelanpassung in Landwirtschaft, Lebensmittelversorgung und -bevorratung auf Bundesebene unterstützen?

KLIMAGAP-AT ist dabei klar dem aktuellen DaFNE-Programm für Forschung und Entwicklung zuzuordnen und adressiert insbesondere das darin enthaltene Forschungsthema “Versorgungs- und Ernährungssicherung“. Das Projekt greift zentrale Zielsetzungen dieses Forschungsthemas auf, indem es die langfristige Sicherung der Lebensmittelversorgung unter sich verändernden klimatischen Rahmenbedingungen in den Fokus stellt und dabei die gesamte Versorgungskette – von der landwirtschaftlichen Primärproduktion (Ackerbau und Grünland) über Handels- und Importabhängigkeiten bis hin zum physiologischen Nährstoffbedarf der Bevölkerung – betrachtet. Durch die systemische Fokussierung auf Klimagefahren, Vulnerabilitäten und Expositionen werden alle relevanten Risikodimensionen im Sinne einer Klimafolgenabschätzung betrachtet. Ergänzend erfolgt eine Abschätzung der Resilienz sowie bestehender Abhängigkeiten des Lebensmittelversorgungssystems. KLIMAGAP-AT liefert somit entscheidende Erkenntnisse zur langfristigen Sicherung der österreichischen Ernährungs- und Versorgungskette, welche als Basis für die Planung allfälliger Maßnahmen in Hinblick Lebensmittelbevorratung herangezogen werden können. Aufbauend auf den Ergebnissen werden Handlungsbedarfe abgeleitet, priorisiert und in einem Policy Brief zielgruppengerecht aufbereitet.

Die hier vorgestellten Arbeiten bilden eine Vorstudie und schaffen die Grundlage dafür, dass Entscheidungstragende Folgeprojekte (u. a. eine Klimafolgenabschätzung inkl. Konkretisierung von Handlungsempfehlungen) fundiert, zielgerichtet und bedarfsorientiert ausrichten können. Dafür werden die Ergebnisse zielgruppengerecht in einen Policy Brief, welcher Handlungsbedarfe – auch hinsichtlich Lebensmittelbevorratung beinhaltet – zusammengefasst.

Praxisrelevanz

Die Praxisrelevanz des Projekts KLIMAGAP-AT ist hoch, da es eine zentrale gesellschaftliche Herausforderung adressiert: die langfristige Sicherung der Lebensmittelversorgung in Österreich unter sich verändernden klimatischen Rahmenbedingungen. Entscheidungstragende in Politik, Verwaltung und Landwirtschaft sehen sich zunehmend mit erheblichen Unsicherheiten konfrontiert, die sich aus veränderten Produktionsbedingungen, steigender Variabilität landwirtschaftlicher Erträge, zunehmender Häufigkeit und Intensität klimawandelbedingter Stresssituationen sowie potenziellen Störungen globaler Handels- und Versorgungssysteme ergeben. Diese Unsicherheiten erschweren strategische Entscheidungen und erhöhen den Bedarf an robusten, vorausschauenden und evidenzbasierten Entscheidungsgrundlagen.

KLIMAGAP-AT leistet hierzu einen wesentlichen Beitrag, indem bestehende wissenschaftliche Erkenntnisse aus unterschiedlichen Disziplinen systematisch zusammengeführt, in den österreichischen Kontext eingeordnet und in einer integrierten Gesamtschau aufbereitet werden. Dadurch entsteht eine erste praxisrelevante Entscheidungsgrundlage, die es ermöglicht, komplexe Zusammenhänge, Wechselwirkungen und potenzielle Zielkonflikte im Ernährungssystem frühzeitig zu erkennen und in strategische Planungsprozesse einzubeziehen. Insbesondere die strukturierte Identifikation bestehender Wissenslücken und Forschungsbedarfe bietet einen unmittelbaren Mehrwert für die mittel- bis langfristige Planung in den Bereichen Ernährungssicherung, landwirtschaftliche Anpassung an den Klimawandel sowie staatliche Vorsorge und Krisenprävention. Die Projektergebnisse können zudem in übergeordnete Prozesse wie die Nationale Risikoanalyse, Sicherheitsstrategie oder Lagebilderstellungen einfließen.

KLIMAGAP-AT schließt eine zentrale Lücke in der österreichischen Klimafolgenforschung: Durch die erstmalige systemische Betrachtung von Klimagefahren, Vulnerabilitäten und Expositionen entlang der gesamten Lebensmittelversorgungskette entsteht eine integrierte Grundlage für eine umfassende Klimafolgenabschätzung im Bereich Ernährungssicherung. Ergänzend werden die Resilienz sowie bestehende Abhängigkeiten des österreichischen Lebensmittelversorgungssystems bewertet – ein Analyseschritt, der bislang in dieser Breite und Tiefe fehlte. Die gewonnenen Erkenntnisse liefern damit eine fundierte, evidenzbasierte Entscheidungsgrundlage für Politik und Verwaltung, die konkret für die Planung von Maßnahmen zur Lebensmittelbevorratung und Versorgungssicherheit herangezogen werden kann.


Ein besonderer Mehrwert des Projekts liegt im transparenten Umgang mit Unsicherheiten, sowie im gezielten Aufzeigen von Grenzen bestehender Daten-, Modell- und Wissensgrundlagen. Die systematische Analyse von Wissenslücken, Unsicherheiten und Handlungsbedarfen unterstützt Entscheidungstragende dabei, Prioritäten für weiterführende Forschung, Monitoringmaßnahmen und politische Interventionen evidenzbasiert zu setzen. Auf diese Weise trägt das Projekt dazu bei, Fehlanpassungen, ineffiziente Ressourcennutzung und langfristige Pfadabhängigkeiten frühzeitig zu vermeiden und die Resilienz des österreichischen Ernährungssystems unter veränderten klimatischen Bedingungen nachhaltig zu stärken.