IBeSt

Allgemeine Projektinformationen

Titel (deutsch)

Innovationen für bestehende Aufzucht- und Mastställe für Schweine in Österreich – zum Wohl von Tier und Mensch

Titel (englisch)

Innovations for existing rearing and finishing pig production systems in Austria – benefitting animals and humans

Abstrakt (englisch)

Ziel dieses Projekts ist die umfassende Erörterung von Umbaulösungen für bestehende Ställe in der konventionellen Ferkelaufzucht und Schweinemast mit Fokus auf die Verbesserung des Tierwohls unter Berücksichtigung der Ökonomie, Arbeitswirtschaft und Umweltwirkung. Neben den Innovationen für die Tiere soll in dem Projekt auch der/die LandwirtIn als Mensch, als TierhalterIn und als Mitglied der Gesellschaft im Zentrum stehen.

Schlagwörter (deutsch)

Schweinehaltung, Tierwohl, Tierverhalten, Verbesserung, Stallkühlung

Projektleitung

Birgit Heidinger

Forschungseinrichtung

HBLFA Raumberg-Gumpenstein

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Landwirtschaft, Regionen und Tourismus

Projektnummer

101665

Projektlaufzeit

-

Projektziele

Gemäß dem „Pakt für mehr Tierwohl“ des BMLRT sollen „Anreize statt Verbote“ geschaffen werden. Daher steht eine Verbesserung des Tierwohls in bestehenden konventionellen Stallungen im Fokus dieses Vorhabens. Das Ziel ist, in Österreich eine effiziente Produktion von Schweinefleisch sicherzustellen, die den Anforderungen aller Beteiligten besser gerecht wird. Dazu sollen in Zusammenarbeit mit der Praxis die folgenden Ziele und Fragestellungen bearbeitet werden: Als allgemeines Ziel sollen rasch und kostengünstig umsetzbare Maßnahmen für bestehende Betriebe sowie wissenschaftliche Grundlagen zur Adaption des Fördersystems dargelegt werden, um Anreize zu schaffen, sodass die Maßnahmen für viele Betriebe interessant werden und freiwillig umgesetzt werden. Fragestellung: Wie können bestehende Systeme in der Aufzucht und Mast verbessert werden und welche Effekte hat dies auf Tier, Mensch und Umwelt?

Tier:
Durch etwas mehr Platz, größere Gruppen, Buchtenstruktur sowie Regelung der Temperatur (Raumkühlung bzw. Abdeckung des Liegebereichs) soll eine deutlichere Trennung von Funktionsbereichen ermöglicht werden. Zudem wird das Angebot von Beschäftigungsmaterial optimiert, sodass alle vier geforderten Eigenschaften (wühlbar, veränderbar, kaubar, fressbar) erfüllt sind. Dieses Maßnahmenbündel hat Auswirkungen auf das Ruheverhalten (Liegefläche), Erkundungsverhalten, Ausscheidungsverhalten (Trennung von Kot- und Liegebereich), Thermoregulation sowie Sozialverhalten. Zur Evaluierung der Effektivität dieser Maßnahmen werden tierbezogenen Indikatoren (Verhalten, klinische Parameter, Aufzeichnungen) herangezogen. Auch das Auftreten von Verletzungen am Schwanz als „Eisbergindikator“ für die Optimierung dieser Ansprüche wird erhoben.

Stallklima/Umweltwirkung:
Hinsichtlich potenzieller Umweltwirkungen bzw. stallklimatischer Auswirkungen auf das Tier (Verhalten, Tiergesundheit) steht im dienststelleneigenen Mastschweineforschungsstall der HBLFA Raumberg-Gumpenstein eine Vielzahl an Messtechnik zur Verfügung, die im Rahmen des gegenständlichen Projekts genutzt wird. Im Rahmen des Projekts sollen konkrete Kennzahlen zur Emission von Geruch, Schad- und klimarelevanten Gasen und Umweltwirkungen umgebauter konventioneller Stallsysteme kalkuliert werden – auch vor dem Hintergrund der geltenden Baugesetze der Länder und mit Fokus auf allfällige notwendige Baubewilligungen (Zubauten zur Kompensation des reduzierten Tierbestands). Weiters sollen die Effekte unterschiedlicher stallklimatischer Verhältnisse (auch der Staubentwicklung durch Einstreumaterialien) auf die Tiergesundheit und das Tierverhalten erörtert werden.

Mensch/Ökonomie:
Ob solche Änderungen von einem Großteil der schweinehaltenden Betriebe angenommen werden, hängt nicht nur vom Nachweis der technischen und ökonomischen Machbarkeit ab. Daher kommt im Projekt IBeSt dem „Arbeitspaket 3 – Mensch“ eine Schlüsselrolle zu. Dieses Arbeitspaket umfasst die kontinuierliche Begleitung der 18 BetriebsleiterInnen sowie die Kommunikation der Ergebnisse. Die Begleitung der BetriebsleiterInnen umfasst individuelle Interviews (jeweils am Ende der Phase 1 und 2) und Workshops in 3-Monatsabständen während der gesamten Phase 2. Diese laufende Begleitung der BetriebsleiterInnen ermöglicht einen gemeinsamen Reflexionsprozess der u.a. folgende Bereiche umfasst: die persönlichen Ziele, Ambitionen und Zufriedenheit als \"Schweinebauer\", die kulturellen Kriterien die einen \"guten Schweinebauern\" charakterisieren, und Ethik im Umgang mit Lebewesen. Durch die Workshops wird ein gemeinsamer Lern- und Reflexionsprozess innerhalb der Gruppe der teilnehmenden Betriebe gestaltet und der persönliche Gestaltungsspielraum erarbeitet. Die BetriebsleiterInnen werden dadurch auch in ihrer Kommunikationskompetenz gestärkt, so dass sie als BotschafterIn für Lebensqualität (für Mensch und Tier) in Diskussionen mit FachkollegInnen auftreten können. In der Phase 3 wird im „Arbeitspaket Mensch“ der Schwerpunkt auf die Kommunikation der Projektergebnisse und den Austausch mit der interessierten Öffentlichkeit gelegt. Auch hier wird nicht ausschließlich auf ökonomische oder Sachrationalität gesetzt, sondern die Ergebnisse gezielt mit Hinblick auf die Fragen und Unsicherheiten der jeweiligen Zielgruppen (SchweinehalterInnen und KonsumentInnen) aufbereitet. Dies bedeutet eine sorgfältige und zielgruppenspezifische Auswahl der vermittelten Inhalte, insb. Durch eine graphisch ansprechende, authentische und verständliche Aufbereitung und Formulierung.
Die ökonomische Analyse erfasst neben den Veränderungen der Produktionsdaten (Tageszunahmen, Umtriebe etc.) alle Änderungen der Kosten, die mit dem höheren Tierwohl einhergehen. Um exakte Aussagen zu den wirtschaftlichen Kennzahlen zu erhalten, werden zusätzlichen Kosten unterschieden in variable, aufwandsgleiche Fixkosten (vor allem jährliche Kosten von Investitionen) und kalkulatorische Kosten (vor allem kalk. Unternehmerlohn). Auf der Weise können die Änderungen beim Deckungsbeitrag, beim Einkommen und beim kalkulatorischen Betriebszweigergebnis abgebildet werden. Um die kalkulatorischen Arbeitskosten zu erfassen, werden Arbeitstagebücher für die Betriebe entwickelt. Die Leistungen und Kosten für die Schweinehaltung werden im Rahmen einer Betriebszweigabrechnung laut dem Schema für Österreich (Hunger et al., 2006) berechnet. Aus den Berechnungen von mehreren Betrieben lassen sich Kostensenkungspotenziale für Tierwohlsysteme diskutieren.

Praxisrelevanz

Die konventionelle Schweinehaltung in Österreich befindet sich in einem komplexen Spannungsfeld. Im Rahmen der Produktion von Schweinefleisch treffen immer wieder Interessen und Anforderungen von Landwirten und Landwirtinnen, Marktteilnehmerinnen, Tier- und UmweltschützerInnen, KonsumentInnen und AnrainerInnen aufeinander.
Bisher lag der Fokus der Forschung und Innovation vorwiegend auf der Entwicklung neuer Haltungssysteme, die auch Neubauten erfordern. Für bestehende Betriebe gab es bisher abgesehen von Pro-SAU nur wenige Anstrengungen, praktikable und umsetzbare Verbesserungen für die Tiere und auch HalterInnen zu entwickeln. Da jedoch über 90% der Betriebe in konventionellen Systemen z.B. mit vollperforierten Böden produzieren, und Neubauten für die meisten Betriebe aus verschiedensten Gründen nicht in Frage kommen, braucht es hier praxistaugliche Weiterentwicklungen in Form von Umbaulösungen Bäuerinnen und Bauern entnehmen den Medien eher eine negative Grundhaltung der Bevölkerung gegenüber dem konventionellen Haltungssystem für Schweine. In Kombination mit der allgemeinen Unsicherheit über die rechtlichen Rahmenbedingungen in der Schweinehaltung führt dies zu einer fortschreitenden Unzufriedenheit mit dem eigenen Haltungssystem und in letzter Instanz zum Schritt aus der Schweineproduktion gänzlich auszusteigen.
Eine Selbstversorgung von 101% im Schweinefleischbereich kann unter den derzeitigen Bedingungen mit Neubauten nicht sichergestellt werden. Deshalb braucht es ein proaktives Vorgehen der Schweinebranche, um in dem Projekt IBeSt neben den Verbesserungen im Tierwohl auch Verbesserungen in der Identifikation der Landwirte und Landwirtinnen mit dem eigenen Produktionssystem, sowie in der Akzeptanz des Haltungssystems bei KonsumentInnen sicherzustellen. In diesem Zusammenhang ist hervorzuheben, dass nicht nur das Tier, sondern auch der Mensch, als HalterIn, im Fokus stehen soll.