BWÖ: Biologische Wildsammlung in Österreich an der Schnittstelle zwischen Produktion, Naturschutz und Tourismus

Projektleitung

Christoph Schunko

Forschungseinrichtung

Universität für Bodenkultur Wien

Projektnummer

102215

Projektlaufzeit

-

Finanzierungspartner

Bundesministerium für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft

Allgemeine Projektinformationen

Abstract (deutsch)

Biologische Wildsammlung ist in der Verordnung (EU) 2018/848 für die Biologische Produktion geregelt und in vielen Regionen weltweit ein unverzichtbares wirtschaftliches Standbein. In Österreich gibt es derzeit jedoch kein Monitoring der Verbreitung und Relevanz Biologischer Wildsammlung. Das ist insofern problematisch, da die Chancen entlang der Wertschöpfungsketten dadurch nicht angemessen genutzt werden, aber auch den Herausforderungen nicht angemessen begegnet wird. Wir zielen in diesem Projekt darauf ab die Biologische Wildsammlung in Österreich sichtbar zu machen und deren Potenziale deutlich zu machen. Unsere spezifischen Ziele sind i) den Status Quo Biologischer Wildsammlung in Österreich abzubilden, ii) Herausforderungen und Erfolgsfaktoren der Biologischen Wildsammlung und mögliche Synergien mit Maßnahmen zu Extensivierung, Renaturierung, Naturschutz und Tourismus zu verstehen, iii) lokale Visionen und mögliche Transformationspfade für Biologische Wildsammlung abzustecken. Das Projekt gliedert sich in drei Stufen. In der ersten Stufe werden Daten von Bio-Kontroll- und Zertifizierungsstellen analysiert und anschließend die Erkenntnisse mit Telefoninterviews mit ca. 80 zufällig ausgewählten Produzent*innen Biologischer Wildsammlungsprodukte vertieft um den Status Quo Biologischer Wildsammlung in Österreich abzubilden. In der zweiten Stufe werden die Herausforderungen und Erfolgsfaktoren von ca. 15 nationalen und internationalen Pionierbetrieben für Biologische Wildsammlung analysiert sowie Synergiepotenziale zwischen Wildsammlung, Naturschutz, und Tourismus herausgearbeitet. In Stufe 3 werden in drei Hochpotenzialregionen Delphi-Befragungen und Workshops mit Interessens-, Behörden- und zivilgesellschaftliche Vertreter*innen gehalten, um die Übertragbarkeit der in der zweiten Projektstufe erhobenen Potenziale einem Realitätstest zu unterziehen. Dieses Projekt ist in praktisch allen Aspekten neu, da erstmals in Österreich aktuell und flächendeckend wesentliche mit der Biologischen Wildsammlung in Verbindung stehenden Aspekte dargestellt und auf ihre Entwicklungen, Synergien und Potenziale untersucht werden.

Schlagwörter (deutsch)

Biologische Landwirtschaft, Regionalentwicklung, Transformation, Wildpflanze, Waldpilz

Titel, Abstract, Schlagwörter (englisch)

Titel (englisch)

Organic wild collection in Austria at the nexus between production, nature conservation and tourism

Abstract (englisch)

Organic wild collection is regulated by Regulation (EU) 2018/848 on organic production and is an indispensable economic pillar in many regions around the world. Yet, there is currently no monitoring of the distribution and relevance of organic wild collection in Austria. This is problematic, because related opportunities along the value chains are not adequately exploited and challenges not adequately addressed. In this project, we aim to raise awareness of organic wild collection in Austria and highlight its potential. Our specific objectives are i) to map the status quo of organic wild collection in Austria, ii) to understand the challenges and success factors of organic wild collection and possible synergies with measures for agricultural extensification, renaturation, nature conservation and tourism, and iii) to identify local visions and possible transformation pathways for organic wild collection. The project is divided into three stages. In the first stage, in order to map the status quo of organic wild collection in Austria, data from organic control and certification bodies are analysed and these findings are supplemented by telephone interviews with approximately 80 randomly selected producers of organic wild collection products. In the second stage, the challenges and success factors of approximately 15 national and international pioneer producers in organic wild collection are analysed and potential synergies between wild collection, nature conservation and tourism identified. In the third stage, Delphi surveys and workshops are held in three high-potential regions with representatives of interest groups, authorities and civil society in order to test the transferability of the potential identified in the second project stage. This project is new in all aspects, as it is the first time in Austria that organic wild collection is examined in terms of its development, synergies and potential in a comprehensive and up-to-date manner.

Schlagwörter (englisch)

Organic farming, Rural development, Transformation, Wild fungi, Wild plant

Projektziele

Problemstellung

Biologische Wildsammlung ist in der Verordnung (EU) 2018/848 für die Biologische Produktion geregelt und in vielen Regionen weltweit ein unverzichtbares wirtschaftliches Standbein für eine Vielzahl unterschiedlicher Akteure entlang der Wertschöpfungskette. In Österreich gibt es derzeit kein Monitoring der Verbreitung und Relevanz Biologischer Wildsammlung. Aktuelle Entwicklungen, Einflussfaktoren auf den Erfolg, Herausforderungen und Hindernisse sind nicht dokumentiert. Biologische Wildsammlung ist daher weitgehend eine Blackbox. Selbst in Fachkreisen braucht es immer wieder Erklärungen darüber, dass es Biologische Wildsammlung überhaupt gibt. Die mangelnde Dokumentation und das mangelnde Bewusstsein über die Bedeutung Biologischer Wildsammlung führen wiederum dazu, dass die Chancen entlang der Wertschöpfungsketten nicht angemessen genutzt werden, aber auch den Herausforderungen nicht angemessen begegnet wird. Das brachliegende Potenzial für Wildsammlung ist auch daran ersichtlich, dass Produkte, die aus Wildsammlung stammen, in Direktvermarktung und Handel von Konsument*innen gefragt sind (Schunko und Vogl, 2020), Biologische Wildsammlung in Österreich jedoch nicht besonders verbreitet ist (Schunko und Vogl, 2018). In Deutschland oder Frankreich haben Akteure das Potenzial von Wildsammlung erkannt und investieren in die Professionalisierung und Entwicklung von Wertschöpfungsketten. In Deutschland haben sich zum Beispiel Forschungsarbeiten mit der nachhaltigen, gewerblichen Wildsammlung von Arzneipflanzen und deren ökonomischen Bedeutung beschäftigt (Loye et al., 2018; Sucholas et al., 2023). In Frankreich treibt die staatlich unterstützte Vereinigung der professionellen Wildsammler*innen (Association française des professionnels de la cueillette de plantes sauvages (AFC), www.cueillettes-pro.org) diese Entwicklungen voran.

Das mangelnde Bewusstsein über die Biologische Wildsammlung führt auch dazu, dass nicht nur das Potenzial für regionale bis nationale Wertschöpfung brach liegt, sondern auch Synergien mit Extensivierung, Renaturierung, Naturschutz und Tourismus unerkannt bleiben.

Projektziele

Wir zielen in diesem Projekt darauf ab die Biologische Wildsammlung in Österreich sichtbar zu machen und deren Potenzial für die landwirtschaftliche Produktion, sowie Synergien mit Naturschutz und Tourismus deutlich zu machen.

Unsere spezifischen Ziele sind:

1. Verstehen des Status Quo der für die Biologische Produktion gesammelten Wildpflanzenarten, und -mengen, der in der Biologischen Wildsammlung aktiven Betriebe, und Darstellen der Veränderungen der Arten und Betriebe seit dem Jahr 2016;

2. Analyse der Herausforderungen und Erfolgsfaktoren in der Biologische Wildsammlung am Beispiel nationaler und internationaler Pionierbetriebe. Darstellen der Synergien der Biologischen Wildsammlung mit Maßnahmen zu Extensivierung, Renaturierung, Naturschutz und Tourismus.

3. Erheben lokaler Visionen und Transformationspfade zur Entwicklung Biologischer Wildsammlung in Hochpotenzialregionen.


Dabei verstehen wir Biologische Wildsammlung als das Sammeln von Wildpflanzen gemäß der geltenden Verordnung (EU) 2018/848 für die Biologische Produktion, wobei Kriterien Anwendung finden, wie z.B.: i) Sammelgebiete dürfen nicht mit Produkten behandelt oder kontaminiert worden sein, die in der Biologischen Produktion verboten sind; ii) das Sammeln darf die ökologische Nachhaltigkeit der Wildpflanzenpopulationen und ihrer Lebensräume nicht beeinträchtigen; iii) Biologische Wildsammlung unterliegt den Kontrollanforderungen der Verordnung (EU) 2018/848.

Ein Schwerpunkt dieses Projektes liegt darin die Biologische Wildsammlung vom isolierten Randthema in Land- und Forstwirtschaft, Regionalentwicklung, Naturschutz, und Tourismus zu einer verbindenden Querschnittsmaterie weiterzuentwickeln, und so multiple Synergien zwischen diesen Aktivitätsbereichen sichtbar zu machen. Dafür ist es zentral sowohl Bio-Produzent*innen und -Verarbeiter*innen, Interessens- und Behördenvertreter*innen und zivilgesellschaftliche Akteure in die Projektaktivitäten einzubinden und politische Vertreter*innen umfassend über die Projektergebnisse zu informieren. Denn nur anhand von Fakten können Politik und Verwaltung passgenau fördernd eingreifen, Beratung fundiert tätig werden und Konsument*innen bevorzugte Produkte auswählen.

Praxisrelevanz

Das Forschungsprojekt hat umfassende Praxisrelevanz für die Land- und Forstwirtschaft und Biologische Produktion, sowie deren Schnittstellen zu Naturschutz und Tourismus.

Biologische Wildsammlung in der landwirtschaftlichen Produktion

In diesem Projekt untersuchen wir den Status Quo Biologischer Wildsammlung in Österreich und dessen Veränderungen, arbeiten Herausforderungen und Erfolgsfaktoren heraus und stellen Transformationspfade zur zukünftigen Entwicklung Biologischer Wildsammlung dar. Alle diese drei Stufen des Forschungsprojektes haben unmittelbare Praxisrelevanz für die Biologische Produktion in Österreich.

1. Den Status Quo darzustellen und Veränderungen zu verstehen schafft Verständnis für die Praxis Biologischer Wildsammlung in Österreich, und macht dessen Relevanz und Dynamiken sichtbar. Das ist die Voraussetzung um evidenzbasiert über Biologische Wildsammlung in seinen multiplen Facetten diskutieren und über den Status Quo hinausgehende Entwicklungsoptionen entwickeln zu können.

2. Herausforderungen und Erfolgsfaktoren von Pionierbetrieben zu verstehen hilft die Rahmenbedingungen für die Praxis Biologischer Wildsammlung zu verstehen, was wiederum Voraussetzung dafür ist, diese Rahmenbedingungen zu gestalten. Außerdem können durch die Analyse von Pionierbetrieben die vielfältigen Potenziale zur Diversifizierung landwirtschaftlicher Produktion mit Biologischer Wildsammlung erkannt und systematisiert werden.

3. Transformationspfade in drei Hochpotenzialregionen in Österreich aufzuzeigen unterstützt das Verstehen der Umsetzbarkeit der Potenziale für Biologische Wildsammlung und liefert einen Beitrag zur tatsächlichen Anwendung der Forschungsergebnisse. In dieser dritten Projektstufe wird also die Übertragbarkeit der in der zweiten Projektstufe erhobenen Potenziale einem Realitätstest unterzogen, was wichtige Aufschlüsse für mögliche Entwicklungen von Biologischer Wildsammlung bringt sowie möglicherweise greifbare erste Schritte dieser Entwicklung.

Zusammengefasst trägt das Projekt dazu bei, die Praxis der Biologischen Wildsammlung in Österreich zu verstehen und weiterzuentwickeln und somit einen Beitrag zur Ausweitung der Biologischen Produktion und zur Versorgungs- und Ernährungssicherung zu leisten. Um tatsächlichen Praxis-Output zu generieren werden die Projektergebnisse der Stufen 1 und 2 in zeitgemäßen Formaten zur Kommunikation und Diskussion mit Interessens-, Behörden- und zivilgesellschaftlichen Vertreter*innen aufbereitet. Projektstufe 3 wird in enger Abstimmung mit Vertreter*innen von Hochpotenzialregionen entwickelt, sodass die Praxisrelevanz dieser Stufe immanent ist.

Schnittstelle Biologische Wildsammlung mit Extensivierung, Renaturierung und Naturschutz

Das Forschungsprojekt fördert die Vereinbarkeit und Kooperation von Land- und Forstwirtschaft mit Naturschutz. Synergien zwischen Biologischer Wildsammlung und Naturschutz sind in Zeiten von Extensivierung der Landwirtschaft und Renaturierung besonders relevant, weil sich auf extensiv bewirtschafteten Flächen und Naturschutzflächen neue Möglichkeiten für Wildsammlung bieten können, von denen beide Seiten letztendlich profitieren. Außerdem ist Biologische Wildsammlung auf die langfristige Verfügbarkeit des gesammelten Pflanzenmaterials angewiesen, was ein wesentlicher Antrieb für die Erhaltung von besammelten, naturschutzrelevanten Habitaten sein kann. Ein bereits bestehendes Beispiel für Synergien zwischen Biologischer Wildsammlung und Naturschutz bietet der Betrieb Bergila in Südtirol. Dieser Betrieb kooperiert mit lokalen Naturschutzbehörden um Weideflächen von Verbuschung freizuhalten, wobei das entfernte Pflanzenmaterial, wie Äste der Latsche (Pinus mugo) und Zirbe (Pinus cembra), für die Gewinnung ätherischer Öle verwendet werden (www.bergila.com).

Schnittstelle Biologische Wildsammlung und Tourismus

Das Projekt eröffnet auch neue Perspektiven für Kooperationen zwischen Landwirtschaft und Tourismus durch Biologische Wildsammlung. Biologische Wildsammlung kann durch touristisches Angebot, wie Wildpflanzenwanderungen, und -vorträge, Verarbeitungs- und Erfahrungsworkshops, Ausstellungen und Museen (www.pilzmuseum.at), und Gastronomie einzigartigen regionalen Mehrwert und Alleinstellungsmerkmale generieren, die für hochwertiges touristisches Angebot essenziell sind. Diese Aktivitäten sind wichtige Anknüpfungspunkte für Regionalentwicklung und tragen zur Identitätsstiftung, Umweltbildung, Wissensweitergabe und Förderung des gesellschaftlichen Bewusstseins über die Bedeutung von Wildsammlung in der Region – und darüber hinaus – bei. Biologische Wildsammlung ist auch prädestiniert dafür neue, innovative und partizipative Produktions- und Vermarktungskonzepte zu entwickeln, die die Verbindung zum touristischen Erleben der besuchten Landschaften, sowie deren Geschichte und Vielfalt, schlagen können. Zum Beispiel wurde für den Nordosten Spaniens das Konzept des Pilz-Tourismus (mycotourism) entwickelt (Büntgen et al., 2017).