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Lebensraum- und Konfliktpotenzialmodell für den Wolf (Canis lupus) in Österreich

Die vorliegende Studie befasst sich mit der Rückkehr der Wölfe nach Österreich, einer Entwicklung, die als Erfolg des Artenschutzes gefeiert wird, aber auch erhebliche Herausforderungen mit sich bringt. Ziel des Projekts war die Entwicklung wissenschaftlich fundierter Modelle, die das Lebensraumpotenzial und das Konfliktpotenzial von Wölfen in Österreich darstellen. Diese Modelle sollen eine datengestützte Grundlage für ein effektives Wolfsmanagement bieten, das sowohl den Schutzstatus des Wolfs nach Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie (92/43/EWG, Anhang V) als auch die Interessen der betroffenen Menschen berücksichtigen kann. Das vorliegende Projekt hat vor allem methodische und datengrundlagenseitige Voraussetzungen für weitere Themen geschaffen, eine Berechnung des günstigen Erhaltungszustands (FCS), die potenzielle Ausweisung von Ausschlusszonen oder eine Bewertung der Wichtigkeit einzelner Konflikte zählten jedoch nicht zu den Zielen des Projekts. Diese Aspekte erfordern weiterführende Analysen und ergänzende Datengrundlagen, die über das Ausmaß dieser Arbeit hinausgehen.

Der Fokus lag auf der Erstellung von vier verschiedenen Modellen, um sowohl das Lebensraumpotenzial als auch den potenziellen Konflikt räumlich zu verorten (siehe grafische Zusammenfassung):

1) Das Lebensraumpotenzialmodell beschreibt die Eignung von Flächen als Lebensraum für Wölfe, unabhängig von ihrer aktuellen Verbreitung. Die Ergebnisse zeigen, dass Österreich über große Flächen mit hohem Lebensraumpotenzial verfügt, insbesondere in den Alpenregionen. Diese Gebiete zeichnen sich durch eine hohe Waldbedeckung, geringe menschliche Störung und geeignete topografische Bedingungen aus. Regionen wie etwa die zentralen und nördlichen Ostalpen sowie das Wald- und Mühlviertel weisen hohes Potenzial auf, während städtische Gebiete und intensiv genutzte landwirtschaftliche Flächen ein geringeres Potenzial zeigen*.

2) Das Risspotenzialmodell analysiert, inwieweit bestimmte Gebiete anfällig für Nutztierrisse durch Wölfe sind. Die Ergebnisse zeigen, dass alpine Regionen mit extensiver Weidewirtschaft ein besonders hohes Risspotenzial aufweisen. Die Anwesenheit von Nutztieren (besonders von Schafen und in geringerem Ausmaß auch von Rindern) ist der stärkste Prädiktor für ein hohes Risspotenzial, gefolgt von der Nähe zu Wäldern, die Wölfen als Rückzugsgebiete dienen können. Wie auch in den anderen Modellen ist ein West-Ost-Gefälle erkennbar: Die höchsten Risspotenziale wurden in den westlichen Bundesländern Vorarlberg, Tirol, Salzburg, Kärnten und Steiermark festgestellt, während die östlichen Landesteile wie weite Regionen Ober- und Niederösterreichs, Wien und das Burgenland ein geringes Risspotenzial aufweisen*.

3) Das Konfliktpotenzialmodell wurde auf Basis von Einschätzungen der in die Arbeitsgruppe entsandten Behördenvertreter*innen erstellt. Es kombiniert ökologische und sozio-ökonomische Variablen, um die potenzielle Intensität von Konflikten zwischen Mensch und Wolf darzustellen (vgl. Tabelle 1). Es wurde das Augenmerk auf die methodische Entwicklung der Modelle gelegt; zur Abbildung aller Interessengruppen ist die weitere Integration dieser zielführend. Die Hauptfaktoren für ein hohes Konfliktpotenzial waren nach der Einschätzung der Behördenvertreter*innen die Nutztierrissanfälligkeit sowie eine Kombination weiterer wirtschaftlicher und allgemeiner Variablen (vgl. Resultate). Die westlichen Bundesländer Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Kärnten zeigen durch die Modellierung die höchsten Konfliktpotenziale, während städtische Gebiete wie Wien ein mittleres und Regionen in Niederösterreich und dem Burgenland ein geringes Konfliktpotenzial aufweisen*.

4) Das Kombinationsmodell integriert die Ergebnisse des Lebensraumpotenzial- und Konfliktpotenzialmodells und hebt sogenannte "Hot-Spot-Gebiete" hervor, in denen die Potenziale beider Modelle hoch sind. Diese Gebiete befinden sich ebenso vor allem in den westlichen Alpenregionen, insbesondere in Vorarlberg, Tirol, Salzburg und Kärnten. Diese Hot-Spots sind besonders relevant für das Wolfsmanagement, da hier Konfliktlösungsstrategien und Monitoring priorisiert werden können*. Herauszulesen sind auch Gebiete, in welchen das Lebensraumpotenzial hoch und der potenzielle Konflikt gering sind. Diese sind für Wolfsmanagement ebenso bedeutend, da sie geeignete Lebensräume mit minimalen Mensch-Wildtier-Konflikten bieten und somit ideal sind, um Bestände zu unterstützen und gleichzeitig die Wahrscheinlichkeit von Auseinandersetzungen mit Menschen gering zu halten.

* Diese Vereinfachungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch innerhalb der Länder große Unterschiede zu sehen sind.

Die Studie zeigt auch Limitationen auf: Die Datenverfügbarkeit ist zum Teil nicht flächendeckend, insbesondere fehlen detaillierte Informationen zur Umsetzung und Wirksamkeit von Herdenschutzmaßnahmen. Zudem berücksichtigt das Konfliktpotenzialmodell keine detaillierten Daten zur gesellschaftlichen Akzeptanz (aller betroffenen Interessengruppen) von Wölfen, obwohl diese ein entscheidender Faktor für das Management wären. Die Modelle stellen eine Momentaufnahme dar und berücksichtigen keine zeitlichen Entwicklungen oder dynamische Veränderungen in der Wolfsverbreitung und den Konflikten.

Zukünftige Studien sollten sich auf die Verbesserung der Datenbasis konzentrieren, insbesondere durch die Integration von Langzeit-Monitoring-Programmen und die systematische Erhebung von Daten zur gesellschaftlichen Wahrnehmung von Wölfen. Die Wirksamkeit von Herdenschutzmaßnahmen sollte systematisch analysiert werden, um deren Akzeptanz und Umsetzung zu evaluieren und zu fördern. Darüber hinaus könnten Szenarien entwickelt werden, die unterschiedliche Managementoptionen simulieren und deren potenzielle Auswirkungen auf Konflikte und Lebensraumpotenziale bewerten. Langfristig könnte dies dazu beitragen das Nebeneinander zwischen Mensch und Wolf nachhaltig konfliktarm zu gestalten.

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