© Theresa Eichhorn
Bürokratie fassbar machen – Fallstudien-Analysen zur Bürokratie auf landwirtschaftlichen Betrieben in Österreich
Diese Studie untersucht Bürokratie in der Landwirtschaft und analysiert, welche spezifischen bürokratischen Anforderungen Landwirt:innen erfüllen müssen, welche Institutionen diese stellen, welcher geschätzte Zeitaufwand damit verbunden ist und welche Belastungs- bzw. Entlastungsfaktoren bestehen. Als Datengrundlage dienen zwölf Fallstudienbetriebe unterschiedlicher Betriebsformen sowie 13 Expert:inneninterviews mit Vertreter:innen jener Institutionen, die bürokratische Tätigkeiten fordern bzw. kontrollieren. Die Auswertung erfolgte mittels qualitativer Inhaltsanalyse. Die Ergebnisse zeigen, dass Anforderungen auf drei Ebenen entstehen: der gesetzlichen Ebene, der Ebene der Gemeinsamen Agrarpolitik sowie der Ebene der privatrechtlichen Qualitätsstan-dards (Qualitätsprogramme, Liefervoraussetzungen). Daraus resultieren vielfältige bürokratische Tätigkeiten, darunter Aufzeichnungsverpflichtungen, das Führen von Checklisten, Probenahmen, Antragstellungen, die Einhaltung von Fristen, die Teilnahme an verpflichtenden Weiterbildungen sowie Kontrollen. Die interviewten Landwirt:innen und Expert:innen verfügen in der Regel über ein klares Bürokratieverständnis: Bürokratie wird vor allem als von außen auferlegte, verpflichtende Anforderungen aus Gesetzen, Förderprogrammen und privaten Standards gesehen, die kontrolliert und sanktioniert werden können. Erste Assoziationen mit Bürokratie sind häufig negativ, zugleich wird Bürokratie als notwendig für Demokratie, Struktur und (betriebswirtschaftliche) Übersicht anerkannt. In ihrer Gesamtheit stellen die staatlichen und privatrechtlichen Anforderungen eine Belastung dar. Belastend wirken insbesondere das ständige Daran-Denken, unklare, komplexe oder widersprüchliche Vorgaben, mangelnde Praxisnähe und Planbarkeit sowie träge Verfahren (erschwerte Erreichbarkeit von Behörden, Wartezeiten, wechselnde Ansprechpersonen). Als Entlastungsfaktoren wurden digitale Instrumente und Unterstützung durch Beratung, Netzwerke und Kolleg:innen identifiziert. Die zwölf untersuchten Betriebe verbringen jährlich zwischen 36 und 135 Stunden mit bürokratischen Tätigkeiten. Die Studie bietet einen fundierten Einblick in die Struktur landwirtschaftlicher Bürokratie, entwickelt eine durch Expert:innen und Landwirt:innen gestützte Definition und macht anhand von zwölf Fallstudien den betrieblichen Alltag der bürokratischen Tätigkeiten praxisnah sichtbar. Der explorative Fallstudienzugang ermöglicht eine detaillierte und umfassende Erhebung der bürokratischen Tätigkeiten. Im Gegensatz zu repräsentativen Befragungen lassen sich jedoch keine allgemeingültigen Aussagen treffen, da hier Einzelerfahrungen im Fokus stehen.